NDR-Interview

Inklusion – Das denken Schueler 10.01.2012Thema: Inklusion  – wie Sonderschüler darüber denken
Autorin: Kathrin Erdmann
Auftraggeber: Carsten Vick
Sender: NDR Info

Sendedatum: 10.01.12


Vorschlag für die Anmoderation:

Sie ist bildungspolitisch DIE zentrale Herausforderung der kommenden Jahre: Die schrittweise Integration behinderter und lernschwacher Schülerinnen und Schüler an „normale“ Schulen wie sie die UN-Konvention vorsieht. Die norddeutschen Bundesländer gehen bisher unterschiedliche Wege. Am weitesten ist Hamburg. Dort melden sich inzwischen auch Sonderschüler zu Wort und sagen, was sie von der Inklusion, wie der Fachbegriff heißt, halten.

Kathrin Erdmann war bei einer ihrer Sitzung dabei:

 

 

ATMO unterlegt

 

Rund 20 Sonder- und Förderschüler aus ganz Hamburg sitzen mit ihren Betreuern in einem Kreis. Dennis und Nadine waren früher auf einer „normalen“ Schule. Einige Mitschüler seien zwar nett gewesen:

 

O-Ton

Ich hatte auch wiederum welche, die mich in der Pause gemobbt haben, von wegen: Du kommst ja sowieso nicht mit, warum bist du überhaupt noch auf der Schule, such dir doch was anderes. //Die Klasse, in der ich vorher war, da waren 24 Kinder, und hat sich die Lehrerin halt immer nur um die gekümmert, die es auch konnten, und die es nicht konnten, die mussten halt selber sehen, wie sie klar kommen.

 

Diese Erfahrungen hat auch der 12-jährige Marcel gemacht, weil er langsamer lernte als seine Mitschüler. Noch heute schämt sich der kleine und schmächtige Junge oft, weil er eine Förderschule besucht.

 

O-Ton:

An manchen Tagen, wenn ich morgens zur Schule gehe, denke ich: Wenn ich jetzt hier aussteige, die wissen bestimmt alle, dass ich Förderschüler bin, das ist mir dann immer sehr peinlich. Deshalb fahre ich manchmal eine Station weiter, weil dort eine Grundschule ist, dann denken die, ich bin ein Grundschüler. Obwohl dann gehe ich wieder zu Fuß zurück und gehe dann zur Schule.

 

Die Förder- und Sonderschulen bieten Kindern wie Marcel, Dennis und Nadine Schutz. Sie und die anderen haben Angst, im normalen Klassenverband unterzugehen. Deshalb haben die lernschwachen Schüler  genaue Vorstellungen, was sich im Schulsystem ändern muss:  

 

 

 

O-Ton:

Ich glaube, dass das Lernen vereinfacht werden könnte, dadurch dass die Pädagogen eine Fortbildung kriegen könnten// Die Förderschüler brauchen ja etwas mehr Hilfe und etwas mehr Zeit als die anderen. Und wenn man dann eine Riesenklasse hat, dann hat der Lehrer dafür keine Zeit. Also ist es wichtig, dass man kleinere Klassen hat.

 

Und kleiner, das heißt: Maximal 15 Jungen und Mädchen pro Klasse. Ein weiterer Vorschlag: Förderschüler werben direkt in den Regelschulen für ein gemeinsames Lernen. Nadine weiß schon genau, was sie erzählen würde:  

 

O-Ton:

Dass die anderen halt auch nur Menschen sind und dass die halt genau so einen Bedarf haben, zu lernen wie die anderen. Auch wenn sie jetzt ein Förderschüler oder ein behinderter Mensch wären.

 

Alles feinsäuberlich mitnotiert hat das die Gleichstellungsbeauftragte des Hamburger Senats, Ingrid Körner. Gemeinsames Lernen findet sie richtig, sieht aber noch einen weiten Weg bis dahin:

 

O-Ton:

Wir haben die Flexibilität in den Regelschulen bisher gar nicht eingeräumt, und die brauchen wir aber dringend, damit sich Schüler auch entsprechend entwickeln dürfen.

 

Es müsste Räume geben, in die sich lernschwache aber auch besonders begabte Kinder zurückziehen können. Eben eine Schule für alle!

 

 

 

 

 

Audiodatei:

Inklusion – Das denken Schüler 10.01.2012